Schwerpunkt der Jury: Ein Hochhaus sollte ein guter Nachbar sein
Den Schwerpunkt, den die Jury sich bei diesem 12. Internationalen Hochhaus Preis setzte war die Frage, welche Rolle das Hochhaus in Zukunft spielen könnte. Unabhängig von Ästhetik und Funktion war man sich einig, dass die Fähigkeit eines Hochhauses „ein guter Nachbar zu sein“ von grundlegender Bedeutung ist. Sprich: Ein Hochhaus sollte seiner Umgebung etwas zurückgeben, den Kontext in dem es steht, verbessern und der Stadt, in der es gebaut wurde und den Menschen, die dort wohnen, zugutekommen. Die Jury orientierte sich in ihrer Entscheidung an der Idee, dass nur ein Hochhaus gewinnen sollte, das auch in 15 Jahren noch von Relevanz ist. Eine zusätzliche Frage, die im europäischen Kontext eine immer größere Bedeutung bekommt, betrifft die Themen Sanierung und Umbau, und damit einhergehend Wandlungsfähigkeit und Nutzungsmischung. Der Konsens der Jury lautete, es sei wesentlich, dass Hochhäuser, die als „gute Nachbarn“ gelten wollen, nicht monofunktional sein dürfen, sondern dass sie dazu beitragen sollten, Stadtzentren und zentrale Geschäftsbezirke wiederzubeleben.
Daraus resultierend kürte die Jury einstimmig das Projekt ZIN in Brüssel, Belgien, zum Gewinner des Internationalen Hochhaus Preises 2026/27. Brian Yang, Gewinner von 2024 und Vorsitzender der Jury, begründete die Entscheidung folgendermaßen: „Hochhäuser sollen nicht länger nur hoch aufragende Symbole der Macht sein. Es geht vielmehr darum, die Macht zu transformieren, zu verändern und auf eine Situation zu reagieren. Ich glaube, es ist wichtig für einen Stadtteil, voller Leben zu sein, und das kann mit einer Mischung von Büros, Hotels und Wohnungen wie im ZIN erreicht werden.“
ZIN stärkt das Viertel, in dem es steht
ZIN war, laut Jury, das Hochhaus mit dem überzeugendsten Gesamtnarrativ: Es zeigt auf, wie sich das Konzept von Sanierung und Umbau auf ein neues Niveau heben und wie sich hierbei neue Qualität erreichen lässt. Dazu kommt, dass ZIN für europäische Verhältnisse äußerst groß dimensioniert ist. Es bietet mit seinen 10.000 Quadratmetern Fläche einen wichtigen Anziehungspunkt in einem wenig attraktiven Stadtviertel und regt im Idealfall neue Bautätigkeit an.
Die Jury resümierte, dass das Gebäude in ästhetischer Hinsicht zwar nicht als besonderer Blickfang wirkt, gerade darin aber seine besondere Stärke liegt: Wie Peter Cachola Schmal es ausdrückt, vermag es, „so viel zu bewirken“, ohne auf ikonische Wirkung abzuzielen. Der Vorsitzende Brian Yang bestätigte diese Einschätzung: „Es wirkt wie ein erstaunliches Projekt, das alles macht, was ein Hochhaus positiv gesehen tun kann: Durch einen Transformationsprozess sorgt es für Bedeutung und Qualität und stärkt damit das gesamte Viertel. Es wertet die Umgebung auf und verfügt über eine tolle interne Topografie. Die Übergänge zwischen öffentlichem und privatem Bereich sind hervorragend umgesetzt.“
Das Projekt widersetzt sich dem lautstarken Anspruch „Hier bin ich“ und legt den Fokus stattdessen auf die richtige Vermittlung der Botschaft. Während viele der Hochhäuser in Brüssel klassische Stahl- und Glas-Monolithen sind, bricht ZIN komplett mit diesem Leitbild. Die beiden ursprünglichen World Trade Center-Hochhäuser, die hier standen, wurden bis auf den Kern zurückgebaut. Zwischen ihnen wurde ein neues Gebäude mit doppelter Geschosshöhe eingefügt, das sowohl vertikal als auch horizontal Mischnutzungen fördern soll. Büros, Wohnungen, Hotelzimmer, Einzelhandel und Grünraum sind miteinander verflochten, um eine zusammenhängende Einheit zu schaffen, die auch nachts nie „leblos“ wirkt. Das neue Sockelgebäude aus Glas auf der einen Seite und der verbindende Turm mit doppelt hohen Geschossen auf der anderen Seite sorgen im neuen/alten Gebäude für Vielfalt. Dabei erreichte das Projekt eine Cradle-to-Cradle-Zertifizierung von 95 Prozent für die verwendeten neuen Materialien, was einen geschlossenen, endlosen Rohstoffkreislauf statt Abfall bedeutet – ein noch nie zuvor erreichter Wert für ein europäisches Mischnutzungsprojekt dieser Größe.
Aus über 1.000 Hochhäusern, die innerhalb der letzten zwei Jahre weltweit fertiggestellt wurden, hatte das Deutsche Architekturmuseum (DAM) 30 herausragende Gebäude aus 12 Ländern nominiert. Eine internationale Jury von Expertinnen und Experten aus Architektur- und Ingenieurpraxis sowie den Partnern des IHP (DekaBank, Stadt Frankfurt am Main und Deutsches Architekturmuseum) – unter der Leitung von Brian Yang (Architekt, Partner BIG, Kopenhagen) – wählte aus den Nominierten die fünf Finalisten und den Gewinner.